Was aus uns wurde
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Wam Kat und die Selbstversorgergemeinschaft Lübnitz versuchen den Traum von einer gerechten Gesellschaft zu leben.
Einst träumten wir grenzenlose Träume: von einer gerechten Gesellschaft und dem Einklang von Mensch und Natur, vom Glück und gutem Essen für alle. Einige träumen diese Träume immer noch – nur viel pragmatischer als früher. Ein Besuch im Hohen Fläming im schönen Sommer 2009 beim Demo-Koch Wam Kat und der Selbstversorgergemeinschaft Lübnitz. Und eine Erinnerung an alte Träume
Aus: Effilee
http://www.effilee.de/blog/fd0ecd75f482e619.html
1. Den Traum träumen
In dem Sommer, in dem ich achtzehn Jahre alt wurde, fuhr ich in den längsten Urlaub meines Lebens. Ein Jahr hatte ich an den Wochenenden gekellnert und fast alles gespart. Jetzt setzte ich mich auf mein Fahrrad, der Vater erklärte noch, wie man einen Schlauch aufpumpt und ab ging es, hinauf in den Norden von Dänemark, in ein Hippie-Camp, das ich im Jahr zuvor bei meinem ersten Urlaub ohne Eltern entdeckt hatte. Sechs Wochen wollte ich bleiben. Frostrup-Lejren – Frostrup-Ferien – hieß das Camp, nach einem kleinen Ort in der Nähe.
Es befand sich auf einem ehemaligen Militärgelände mit hügeligen Wiesen, Heide, einem kleinen Wald, einem großen See und dem Meer nur zehn Kilometer entfernt. Seit einem Konzert einige Jahre zuvor, das die Leute vor Ort das dänische Woodstock nannten, fand dort jedes Jahr ein Sommercamp statt: mit Konzerten, großen Lazarettzelten, in denen gegen kleinstes Entgelt für alle gekocht wurde, und Pinnwänden, auf denen jeder seine Aktivitäten (von Yoga oder Fußreflexzonenmassage bis zur gemeinsamen Anarcholektüre) anbieten konnte. Für eine kleine Summe bekam man eine runde Lederplakette mit der Aufschrift: Det ny Samfund – Die neue Gesellschaft. Damit konnte man so lange bleiben, wie man wollte. Weil das erste Sommerkonzert auf dem Gelände kommerziell sehr erfolgreich gewesen war, die Organisatoren aber keinen Gewinn machen wollten, wurde kurzerhand das gesamte Gelände der dänischen Regierung abgekauft. In dem Sommer, in dem ich kam, hatten sich neben den Feriengästen knapp dreißig Menschen fest dort niedergelassen. Sie hatten sich Hütten gebaut, die Namen trugen wie Hobbiten, nach den Hobbits im Herr der Ringe – das Häuschen war halb in den Hügel hineingegraben und mit Erde und Wiese überdeckt, sodass die Fenster im Dunkeln wie aus der Erde leuchteten. Das Seven Star stand auf sieben Pfeilern und hatte sieben Ecken, die Arche, die erste Hütte am Platz, war ein wildes Gebilde aus Hölzern, dessen Wohnbereich in einigen Metern Höhe nur über eine Strickleiter erreichbar war. Es gab Hühner, Kühe, einen großen Acker, zwei Arbeitspferde und ein wildes, schwarzmähniges Pferd, das ohne Sattel geritten wurde. Von dem fiel ich später runter und verstauchte mir dabei das Fußgelenk. Da war es schon Herbst und ich eine von knapp dreißig Besuchern, die als Urlauber gekommen waren und nun blieben. Freut euch, schrieb ich meinen Eltern, ich habe einen Ort gefunden, an dem es sich zu leben lohnt. An dem es um die wichtigen, richtigen Dinge geht, wo das ständige Streben ein Ende hat und ich lerne, genügsam zu sein, mein Leben und die Natur um mich herum als Geschenk zu begreifen. Kurz, dass ich endlich, endlich glücklich sei. Meinen armen Eltern brach beinah das Herz. Aber ich war unbeirrbar. Warum freut ihr euch nicht mit mir, fragte ich wütend und enttäuscht.
Ich lernte Kühe melken und versuchte eine eigene Hütte zu bauen. Sternenhäuschen sollte sie heißen und ein Fenster im Dach haben, direkt über meinem Bett. Doch sie wurde vor dem Winter nicht fertig. Später, als ich längst fort war, hatte ich viele Jahre den immer gleichen Traum von diesem Häuschen, überhaupt von dem ganzen Gelände: Ich komme zu Besuch, gehe an dem Steinhaus an der Zufahrt vorbei, und plötzlich beginnt sich der Boden in feinen weißen Sand zu verwandeln, in dem alles versinkt. Ich sehe noch die Wiese, die Heide, die Hütten, endlich, endlich habe ich es geschafft. Ich bin hier, denke ich. Und dann ist alles fort.
Damals, in meinem etwa halbjährigen Aufenthalt, der bis in den Winter 1978 reichte, lebte ich von meinem Ersparten, denn viel mehr als Kartoffeln und Möhren hatten wir Selbstversorger schon kurz nach der Ernte nicht mehr. Wir bestellten in großen Säcken Getreide, Reis, Müsli, Kohl und Lauch. Als die Sommerparty vorbei und das letzte Küchenzelt abgebaut war, zogen sich die Bewohner zurück. Hier und da gab es Treffen, manchmal auch Feste, aber jeder kochte für sich oder die Gemeinschaft seines Häuschens. Man tat sich zusammen, so wie ich mit Volker, der ebenfalls aus Deutschland kam und den ich nicht besonders mochte, und George, den ich umso inniger liebte: Ein Hippie aus Amsterdam mit roten Henna-Haaren, der mit seiner Nickelbrille aussah wie John Lennon, immer traurig war und jeden Abend auf seinem Kassettenrekorder Fool on the hill spielte. So hatte er auch sein Häuschen getauft: Fool on the Hill.
Wir waren die drei versprengten Fremden zwischen Dänen, Schweden und Norwegern. George wurde auch von anderen umworben, aber er wollte wohl die beiden etwas verlorenen jungen Deutschen nicht im Stich lassen. Jeden Abend kochten wir bei ihm: Lauch mit Kartoffeln oder Möhren mit Kartoffeln oder auch ausnahmsweise mal mit Reis. Wir waren absolut fantasielos, Salz und Pfeffer waren fast unsere einzigen Gewürze. Ab und an gab es gebratenen Speck oder ein Ei. Dafür tranken wir als Nachtisch fast jeden Abend heiße Schokolade, angerührt mit holländischem Kakao, den Georges Freunde aus Amsterdam regelmäßig schickten, gekocht mit Milch von unseren eigenen Kühen. Nachts, nachdem ich durch die Dunkelheit zu meinem kleinen Häuschen gestolpert war, dem Seven Star, das mir die ehemaligen Bewohner großzügig überlassen hatten, las ich im Bett noch ein paar Seiten von Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses, einem Klassiker über die Vernichtung der Indianer, und war sehr traurig über die Zustände in der Welt. Ich fühlte mich einsam. Außer Feuerholz hacken, Kühe melken und Wasser aus dem Brunnen ziehen, gab es kaum etwas zu tun. Das bisschen Landwirtschaft, das ich gegen Ende des Sommers mitbekommen hatte, war stupide und mühsam gewesen. Nachdem ich einmal angeln war und den von mir gefangenen Fisch nicht hatte töten können, aß ich eine Weile nur vegetarisch.
Im Februar, als es am Tag nicht mehr richtig hell und in der Nacht nicht richtig dunkel wurde, zog ich mit einem der Pferde und der Arbeitskutsche in den Wald, um Holz zu holen. Ein paar Tage zuvor hatte es geschneit. Fußspuren gab es keine im Wald, dafür lag auf allem ein schwarzer Ruß. Es war Kohleruß aus dem Ruhrgebiet, meiner Heimat. Der Wind hatte ihn in die Atmosphäre und schließlich hierher getragen. Ich schaute fast gerührt auf diesen Ruß, der hier nur aus einem Grund zu liegen schien: Um mir klarzumachen, dass man nicht vor der Welt weglaufen kann. Wenige Tage später packte ich meine Sachen und kehrte zu meinen Eltern zurück. Kurz darauf probierte ich es noch einmal mit einer Landkommune in der Nähe von Heidelberg. Dort meinte man es mit der Selbstversorgung entschieden ernst, buk in einem selbstgebauten, mit Holz befeuerten Steinofen saures, wenig schmackhaftes Brot, kämpfte beim Käsemachen mit Schimmel und Maden, und ständig mit dem Mangel. Es waren nette Menschen, aber die harte, oft öde Realität des Selbstversorgerdaseins machte alles eng. Seelische Probleme kippten in Neurosen um, die großen Träume in dogmatische Freudlosigkeit. Sehr schnell war ich wieder fort.
2. Für den Traum arbeiten
Dreißig Jahre ist das her. Seitdem haben sich manche der Selbstversorger-Aussteiger-Ideale von einst in einen ganz selbstverständlichen Alltag verwandelt. Bio gibt es inzwischen in jedem Supermarkt, Michelle Obama legt im Garten des Weißen Hauses einen Gemüsegarten an, Ähnliches wird für die Königlichen Parks in London erwogen. Ratgeber für Selbstversorger, meldete unlängst die FAZ, haben Hochkonjunktur. Guerilla-Gardening, einst ein subtiles Mittel zivilen Ungehorsams, hat längst als allseits anerkanntes urbanes Gärtnern Furore gemacht, für das man sogar öffentliche Gelder beantragen kann. Doch manche träumen noch immer von mehr als etwas weniger Konsum, etwas weniger Kunstdünger und hübsch begrünten Städten. Wam Kat zum Beispiel.
Der 55-jährige Holländer ist ein Veteran der alternativen Szene. Sein Vater kämpfte in Holland im Widerstand gegen die Nazis und verstarb früh. Dieses Familien-Erbe beschäftigt ihn bis heute. Seit seiner Jugend ist er in Protestbewegungen unterwegs – und seit drei Jahrzehnten kocht er auf Demonstrationen für tausend oder auch mal fünftausend Menschen. Wam Kat wartet im Wald auf mich, damit ich auf meinem Rad die Abzweigung zum Weitzgrund nicht verpasse, einer Ansiedlung von gerade mal sechs Häusern. Er hat langes Fisselhaar und ein etwas ausgezehrtes Gesicht, aber freundliche, braune Augen. Auf seinem verblichenen Sweatshirt prangt eine vielarmige, einst grell-bunte, indische Gottheit. Eines der sechs Häuser ist seit drei Jahren sein Zuhause.
Später, in seinem Garten, wird er sagen, dass er ja immer damit gerechnet habe, irgendwann doch einen Anzug zu tragen, sein Haar zu schneiden und vielleicht sogar einer geregelten Arbeit nachzugehen. Es soll eigentlich ein Witz sein, aber obwohl er ohne Zweifel stolz ist auf sein Leben, klingt es merkwürdig hilflos. Als habe er das Gefühl, etwas versäumt zu haben, als habe er nur nie einen Weg gefunden, der mehr in die Gesellschaft hinein führt. Keinen jedenfalls, der für ihn akzeptabel wäre.
Anfang der 90er-Jahre arbeitete Wam Kat mit Kindern in bosnischen und kroatischen Flüchtlingslagern. Er wollte nur vier Wochen bleiben, doch es wurden fünf Jahre. Er gehörte keiner Organisation an, bezahlt wurde er für sein Engagement nicht. Dafür unterstützten ihn die Freunde zu Hause. Gemeinsam mit ihnen rief er eine Initiative ins Leben, die Menschen einlud, für mindestens drei Wochen in eines der Camps zu kommen, in denen 1,4 Millionen Menschen lebten, um sich dort um die Kinder zu kümmern. Die Kosten für die Reise und die Verpflegung im Flüchtlingslager musste jeder selbst übernehmen.
Siebentausend Helfer gewannen sie so, viele blieben für Monate – obwohl, wie Wam Kat erzählt, das Rote Kreuz die Aktion zunächst für unrealistisch hielt. Doch nicht zuletzt durch ihre Arbeit habe sich das Rote Kreuz schließlich sogar davon überzeugen lassen, dass Familien in solchen Lagern sozial stabiler sind, wenn sie nicht von Großküchen bekocht werden, sondern für sich selbst sorgen können.
»So ist mein Leben«, sagt Wam Kat, »es verläuft nicht nach Plan.« Das Thema Selbstversorgung ist für ihn dabei ein roter Faden. Darin, wie wir uns versorgen, spiegelt sich für ihn alles, was falsch läuft in der Welt. Er hat nie aufgegeben, den großen Traum von einer besseren Welt zu träumen. Er will das Falsche nicht nur falsch finden, sondern es auch ändern. Und er hat mit vielem recht. In gewisser Hinsicht zumindest. Träume, sagt der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge, sind das Vermögen, sich alles auch ganz anders vorstellen zu können. Träume sind die Gegenkraft zum Wirklichkeitssinn, mit dem allein die Welt recht traurig aussähe, es für viele Probleme keine Lösung gäbe. Je verschlossener die Horizonte sind, sagt Kluge, desto größer werden die Träume. Doch wenn sich der Traum auf Dauer nicht der Realität nähert, hält man das in der Regel nicht aus. Man richtet sich anders ein mit verschlossenen Horizonten, versucht ihnen mit anderen Träumen beizukommen. Wam Kat hat die immer gleichen Träume weitergeträumt. Und das hat neben vielem anderen wohl auch mit etwas sehr Einfachem und Konkretem zu tun: dem Kochen. Viele Generationen an Demonstranten hat er schon an sich vorbeiziehen sehen – je radikaler sie sind, desto schneller sind sie wieder weg: »Der schwarze Block wechselt sich alle zwei bis drei Jahre fast komplett aus«, erzählt er. Wam Kat und fast alle Mitglieder des Anfang der 80er-Jahre gegründeten Koch-Kollektivs Rampenplan sind dagegen geblieben. In der Parallelwelt der Demo- und Anti-Camps versuchen sie die oft beschworenen Ideale zu leben.
Wie dieses Frühjahr in Straßburg, beim Nato-Gipfel. Als Demonstranten im Anti-Nato-Camp Geschichten erzählten, nach denen mindestens halb Straßburg in Flammen stünde, herrschte Panik. Einige wollten auf dem Gelände Barrikaden bauen, weil sie eine Räumung durch die Polizei fürchteten. Das Kollektiv Rampenplan dagegen tat, was es immer tut: weiterkochen. Ruhe bewahren. Pünktlich um eins war das Essen auf dem Tisch, pünktlich um sieben das Abendbrot. Das ist immer so, denn im tendenziell stets etwas chaotischen Camp-Alltag ist die Küche ein ruhender Ort, der Struktur gibt. In Ausnahmesituationen kann sie der letzte sein: »Wenn die Küche in Panik gerät«, sagt Wam Kat, »dann ist das Camp verloren.« Denn dann gibt es keinen Anker mehr. An extremen Tagen wird etwas Besonderes gekocht, vegetarische Bällchen zum Beispiel, die viel Arbeit machen, aber so gut schmecken, dass die Leute nicht mehr über Gewalt reden, sondern über das leckere Essen.
Wam Kat ist Pazifist. Seine Entscheidung, mit Freunden das Kollektiv Rampenplan zu gründen, erwuchs aus diesem Grundsatz. Die Frage, ob Gewalt gegen Sachen oder gar gegen Menschen erlaubt sei, ist so alt wie die Protestbewegung selbst. An ihr spaltete sich auch die frühe Antiatomkraftbewegung zwischen Ökos und der radikalen Hausbesetzerszene. Die Küche war für Wam Kat der Ort, an dem er stoisch seine gewaltfreie Position behaupten konnte. Viele regten sich damals über die Öko-Köche auf, die vegetarisch kochten, Bio- und regionale Lebensmittel propagierten und die Möhren und Kartoffeln bei den Hippies besorgten, die in den 70ern aufs Land gezogen waren. 1982 hat Wam Kat mit Freunden in Holland Rampenplan gegründet. Heute ist es eine von drei sogenannten Volksküchen, kurz Vokü, in Europa, die in der Lage sind, für fünftausend Menschen zu kochen. Daneben gibt es noch einige Voküs, die für tausend Menschen kochen, etwa die Maulwürfe in Freiburg, die Hannoveraner Volksküche oder Food for Action in Berlin. Zum Thema Gewalt haben die Voküs unterschiedliche Positionen, sie sind nicht alle pazifistisch. Bei Rampenplan gilt: Nichts darf aus der Küche für gewalttätige Aktionen oder auch nur den Bau von Barrikaden verwendet werden. Und gekocht wird grundsätzlich nur auf basisdemokratisch organisierten, politischen Veranstaltungen. Rampenplan verfügt über sechs Töpfe, die je 300 Liter fassen, über entsprechende Brenner und über Maggie, die Iron Lady, benannt nach der ehemaligen britischen Premierministerin Margret Thatcher: eine gewaltige Schneidemaschine. Die kommt aber möglichst selten zum Einsatz, denn bei Protest-Camps wie etwa in Straßburg oder Heiligendamm soll am besten alles von Hand geschnibbelt werden. Vor den Töpfen selbst stehen meist nur sechs Menschen, aber um das Gemüse zu schneiden oder den Salat zu waschen braucht es um die hundert Freiwillige, die in kleinen Gruppen von fünf bis sechs Leuten für mehrere Stunden zusammensitzen. Anfangs übernehmen diese Aufgabe in der Regel diejenigen, die alleine sind, die im Camp niemand kennen und hier schnell Anschluss finden. Nach zwei, drei Tagen stoßen die hinzu, die nicht unaufhörlich blockieren wollen, oder auch die, die Ärger mit ihren Freunden haben. Während auf den öffentlichen Treffen immer nur einige wenige Wortführer über die Grundsatzfragen diskutieren, begegnen sich in der Küche ganz unterschiedliche Menschen. Und die reden wirklich miteinander, da findet ein echter Austausch statt. »Die Küche«, sagt Wam Kat, »ist das Herz und das Zentrum des Camps.«
Bei unserem zweiten Treffen kommt Wam Kat von einem Theaterjugendcamp in Gelsenkirchen. Diesmal sieht er nicht ausgezehrt aus, sondern entspannt und glücklich. »Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen«, sagt er, »macht mir Spaß.« In Gelsenkirchen arbeitete Wam Kat mit seinem zweiten, kleineren, vor zehn Jahren gegründeten Kochkollektiv, der Fahrenden Gerüchteküche. Wie Rampenplan arbeitet auch die Fahrende Gerüchteküche ohne Profit: Wam Kat und die anderen sechs Kollektivmitglieder zahlen sich selbst für ihre Arbeit keinen Cent. Das Gleiche gilt für den losen Verband von Helfern, der sich um sie gebildet hat. Nur die Kosten, etwa für die Anreise, müssen gedeckt sein.
Das Essen der Fahrenden Gerüchteküche ist grundsätzlich erst mal umsonst, genau wie das von Rampenplan. Ob und wie viel man zahlt, bleibt jedem Esser selbst überlassen, zur Orientierung wird nur der Selbstkostenpreis genannt, für eine Suppe etwa rund ein Euro. Dass man zunächst einmal umsonst essen kann, ist für Wam Kat elementar. Auch, dass der eine mehr gibt und der andere weniger oder nichts, weil er es nicht will oder schlicht nichts hat. Und eben, dass man ohne Gewinnstreben für andere kocht. »Das System funktioniert«, sagt er. Ein Minus machen sie fast nie, die kleinen Überschüsse geben sie an andere Projekte weiter. Anders als Rampenplan kocht die Fahrende Gerüchteküche nicht nur bei politischen Veranstaltungen, sondern auch auf Jahrmärkten, Popkonzerten und anderen kommerziellen Events. »Wir sind dann das politische Element«, sagt Wam Kat. »Unsere Art zu kochen, ist das Politische.« Er hält nichts davon, sich abzuschotten und bringt deshalb seine Vokü-Philosophie – bio, regional, vegetarisch und umsonst – gerne dahin, wo sie fremd ist. Wie etwa nach Gelsenkirchen, wo niemand erwartet hatte, auf einem Theaterjugendcamp ausschließlich vegetarisches Bio-Essen zu bekommen, gekocht von einem langhaarigen Althippie. »Aber irgendwann haben sie gemerkt, dass wir ganz in Ordnung sind«, sagt Wam Kat und kichert vergnügt. Das mag er. Am Ende des Camps hat er mit den Jugendlichen eine Schlachterei besucht, damit sie sehen, was da läuft. Im vergangenen Jahr hat Wam Kat ein Kochbuch geschrieben, in dem er seine Lebensgeschichte mit handfesten Öko-Rezepten verbindet. Es ist ein sehr politisches, über weite Strecken aber auch sehr lustiges Buch. Ein echtes Althippie-Werk mit Gerichten, die Präkolumbus heißen (Buchweizenbrei mit Wurzelgemüse und Kompott), Woodstock (Chili ohne Fleisch, dafür mit einem Rainbow-Salat) oder Golden Temple (Indisches Buffet mit Spinat und Dhal). Das Ansetzen eines Sauerteigs wird so empfohlen: »Bakterien gibt es überall. Ihr braucht nur ein offenes Glas mit etwas Mehl und Wasser, um sie einzufangen.« Die zweite Auflage ist gerade im Druck.
Wam hätte es nie für möglich gehalten, dass mehr als ein paar Freunde und Bekannte das Buch kaufen würden. Er hat es in knapp drei Monaten geschrieben, nachdem ein 18-jähriger Demonstrant, der im vergangenen Frühjahr erstmals an einem Camp teilnahm, seinen Eltern danach nicht etwa von Helikoptern und Wasserwerfern erzählte, sondern von dem hervorragenden Essen. Der Vater des Jungen wurde Wams Verleger. Inzwischen ist Wam Kat im Fernsehen und im Radio zu Gast gewesen, von überall erhält er Koch-Anfragen. Manche nimmt er als Privatperson an, damit verdient er seinen Lebensunterhalt. Unbezahltes Kochen ist für ihn aber entschieden wichtiger. Weil es dann um die Sache geht, um das, was Wam mit anderem Essen bezeichnet.
In Heiligendamm, erzählt er, bat die Polizei die Demonstranten, ein Stück der Fahrbahn freizugeben, damit ein Teil der Polizisten abziehen konnte – sie hatten seit 48 Stunden nichts Vernünftiges zu Essen bekommen. Auf der Seite der Demonstranten sei das undenkbar, die seien immer gut versorgt. In einem Film sieht man Polizisten missmutig ihr Essen in sich hineinschaufeln und anschließend glückliche Esser im Camp. »Wie macht ihr das nur, dass bei jeder Demonstration innerhalb von fünf Minuten ein Dixie-Klo und eine Vokü auftaucht?«, hat ihn mal ein Hamburger Einsatzleiter gefragt. Er antwortete, es funktioniere so gut, weil es die Leute freiwillig machten, weil es Musik gebe und Spaß.
Wam Kat kocht jetzt auch mit Kindern in Berlin-Neukölln. Er bringt ihnen bei, dass es »nein, keine Dönertiere« gibt, und dass man sein Essen sogar selber sammeln kann. Aber natürlich nicht auf einem Neuköllner Parkplatz. Deshalb plant er im Nachbarort Wiesenburg ein Ferienlager für Berliner Kinder sowie alleinerziehende Mütter und Väter, natürlich vor allem für sozial Schwächere, wo es ums Kochen gehen soll. Möglichst viel Essen soll dabei selbst gesammelt werden, die Kinder sollen mit dem Messer in den Wald ziehen, um Dinge wie Bärlauch oder Löwenzahn zu erlegen. Sie sollen an dem Traum der Selbstversorgung schnuppern, sehen, wie es auch gehen kann.In dem Landstrich, in dem er lebt, sagt Wam Kat, muss man sich seine Jobs selbst erfinden. Erst hat er die Bürgermeisterin für das Projekt gewonnen, dann den Gemeinderat. Seitdem geht alles unglaublich schnell. Die EU-Anträge sind gestellt, nächstes Jahr soll das erste Feriencamp stattfinden.
3. Den Traum ändern
Von meinem Feriencamp bin ich vor ziemlich genau dreißig Jahren zurückgekehrt und schon lange träume ich von anderen Dingen als davon, dass Essen für alle umsonst sein sollte. Oder dass Leistung keine Rolle spielt. Oder dass irgendein Anarcho-Sozialismus die Lösung aller Probleme wäre. Ich träume zum Beispiel vom Tanzen. Kann jemand erklären, warum man als Kind so eine große Sehnsucht haben kann? Diese unglaubliche Sehnsucht zu tanzen?
Andere kleine Mädchen werden von beglückten Müttern mit rosa Tutus und Satinschläppchen ausstaffiert und in die nächste Ballettklasse kutschiert, doch ich durfte nicht. Meinen Eltern schien meine Sehnsucht befremdlich, ja sogar ein wenig unheimlich. Also stolzierte ich als Sechs- und Siebenjährige mit umgeknickten Zehen durch unsere Wohnung, denn ich wollte abheben, schweben, auf der Spitze meiner Füße tanzen – so leicht und schön, wie ich es wohl irgendwann im Fernsehen gesehen hatte. Aber daraus wurde nichts, nur meine Zehen wuchsen nicht mehr richtig.
Nach der Rückkehr aus meinem dänischen Feriencamp brauchte es noch einige Verwicklungen, bis ich begriff: Ich sollte das tun, wovon ich selber träume. Also bin ich nach ländlichen Selbstversorger-Experimenten, Versuchen in der Alternativmedizin, einem kurzen Intermezzo in der Berliner Hausbesetzer-Szene und einem noch kürzeren Semester Philosophie schließlich in ein Seminar der Theaterwissenschaftler gestolpert. Ich hatte keine Ahnung, worum es ging, ich kannte das Stück nicht und nicht den Regisseur, von dessen Inszenierung gerade ein kleiner Videoausschnitt gezeigt wurde. Aber ich hatte etwas gesehen, und so redete und redete ich. Der alte, einarmige, kauzige Professor vorne am Pult hörte mir aufmerksam zu und wies alle, die grinsten oder ungeduldig murmelten, zurück. Das war meine Entdeckung als Zuschauerin: Ich kann Tanz sehen, ich sehe mehr als andere, das weiß ich seitdem. Anfangs habe ich nur geredet, irgendwann fing ich an darüber zu schreiben. Heute schreibe ich auch über mich, über andere und über meine Liebe zur Natur, die geblieben ist.
Jedes Jahr säe ich Blumen auf meinem Balkon und wundere mich, dass sie wachsen. Ich liege auf meinem Sofa und schaue staunend hinaus durch die geöffneten Balkontüren. Am Telefon erzähle ich der Mutter von dem unglaublich flirrend leuchtenden Gelb und Orange meiner Ringelblumen. Und gerne am nächsten Tag wieder, denn stets ändert sich etwas. Vor einer Weile habe ich begonnen mit meinen Blumen zu reden, ganz unabsichtlich. Aber ich sehe, dass es sie freut, wenn ich ihnen zuflüstere, wie schön sie sind. Ich sehe, dass sie besser wachsen und mehr leuchten. Für Tomaten, Bohnen und all das Gemüse, das andere auf ihren Berliner Balkonen und Fensterbrettern pflanzen, habe ich deshalb keinen Platz. Aber bald werde auch ich ernten, Birnen, Pflaumen und solche Sachen. Ganz bestimmt werde ich nie wieder aufs Land ziehen, aber ich habe einen Antrag auf einen Schrebergarten gestellt. In zwei, drei Jahren, sagen die vom Verein, ist es wohl so weit.
4. Den Traum leben
Für Wam Kat ist das Leben auf dem Land das schönste Geschenk, das er sich machen konnte. Vor drei Jahren ist er in den Weitzgrund gezogen, in eine, wie er sagt, »ökologisch einigermaßen gesunde Gegend«. Er wollte mehr mitbekommen von dem, wofür er kämpft. Der Hohe Fläming in Brandenburg, rund achtzig Kilometer von Berlin entfernt, ist eine Art ökologisches Aussteiger-Paradies. Wobei der Begriff Aussteiger die Sache nicht richtig trifft, weil man nicht mehr unbedingt aussteigen, sich nicht mehr weit von der Gesellschaft entfernen muss, um anders, um alternativ zu leben. Selbst Rentner mit durch und durch bürgerlichen Biografien schließen sich heute zu Wohngemeinschaften zusammen. Die 70er-Jahre-Aussteiger träumten von einem eher rückwärts gewandten Leben – nicht zuletzt deswegen sind die meisten gescheitert. Denn Träume funktionieren nicht rückwärts, auch wenn es manchmal anders scheinen mag. In ihnen werden vielmehr neue Möglichkeiten fantasiert. Sie sind, sagt der Traumexperte Alexander Kluge, so etwas wie die Nahrung, die Hoffnung auf dem Weg zu neuen Zielen. Die Menschen wollen sich bewegen, sie wollen sich entwickeln. Die Frage ist eben nur: wie? Die Wirtschaft vermittelt uns ein materialistisches Gefühl von Entwicklung, Wachstum und Bewegung, doch die soziologische Glücksforschung sagt: Der Mensch braucht zu seinem Glück zwar Wachstum, aber das Wirtschaftswachstum, der persönliche Zugewinn durch neue Autos, Handys und Flachbildschirme, genügt nicht. Seit drei Jahrzehnten sind wir materiell gesehen eigentlich satt, seitdem fühlen sich die Menschen laut Statistik nicht mehr glücklicher. Doch die Wirtschaft wächst immer weiter: In den vergangenen dreißig Jahren hat sich Deutschlands Bruttoinlandsprodukt verdreifacht.
In und um das beschauliche Städtchen Belzig träumen viele Menschen schon eine ganze Weile den Traum von einem anderen Wachstum. So politisch engagiert wie Wam Kat sind die meisten nicht, doch wachsen soll auch bei ihnen nicht der Besitz, sondern die Seele. Therapeuten, Heilpraktiker oder sonst heilend tätige Menschen sowie etliche Künstler haben hier eine Art Kolonie gebildet, die in ihrer Dichte in Brandenburg, vielleicht sogar im ländlichen Deutschland einmalig sein dürfte. Ihr Ursprung war ein Verein, der 1990, direkt nach der Wende, in Belzig ein großes Gelände kaufte und das Zegg, das Zentrum für Experimentelle GesellschaftsGestaltung gründete. Achtzig Menschen ließen sich dort nieder, um bewusst und gemeinschaftlich zu leben. Im Zentrum des neuen Miteinanders stand die Tantra-Kultur, eine praktisch gelebte, freie Liebe. Das brachte dem Zentrum anfangs einen Sekten-Verdacht ein, doch im Laufe der Jahre wurde ein umfangreicher
Seminarbetrieb aufgebaut, der in interessierten Kreisen großes Renommee genießt. Neben Tantra wird von Yoga und Homöopathie bis zu Familienaufstellung und Klangschalenmassage alles angeboten, was auf dem alternativen Therapie- und Heilmarkt gerade angesagt ist. Der Zulauf ist enorm, zu den Workshops reisen Teilnehmer aus ganz Europa an. Es gibt kaum ein Dorf im Umland, in dem sich nicht im Lauf der vergangenen Jahre mindestens eine kleinere Wohngemeinschaft angesiedelt hätte. Bereits in den 90er-Jahren begannen Seminargäste, die die Gegend attraktiv fanden, ins Umland zu ziehen. Auch viele Zegg-Mitglieder suchten nach mehreren Jahren in der Großgemeinschaft etwas Kleineres in der Nähe. Zu ihnen gehört Wam Kat, der vor zwölf Jahren eigentlich nur für einen Vortrag über sein Bosnien-Engagement ins Zegg geladen war. Damals war er ausgelaugt von den fünf harten bosnischen Jahren, aber auch vom Umgang in der holländischen Polit-Szene. Im Vergleich schienen ihm die Zustände hier fast paradiesisch.
Eines der Dörfer ist Lübnitz, fünf Kilometer nordwestlich von Belzig gelegen, mit knapp dreihundert Einwohnern, einer mittelalterlichen Dorfkirche und einigen sehr schönen alten sowie diversen weniger schönen neuen Häusern. Dort hat sich auf einem alten Gutshof, der zu DDR-Zeiten als LPG betrieben wurde, die Hofgemeinschaft Lübnitz niedergelassen: Zwanzig Erwachsene und zwölf Kinder leben hier, es gibt eine freie Schule, einen Bio-Hofladen, eine Backstube, Schweine, Kühe, Hühner, ein großes Foliengewächshaus für den Tomatenanbau und zwei Hektar bewirtschaftetes Land.
Wam Kat und seine beiden Mitbewohnerinnen verstehen sich in ihrer nahe gelegenen Enklave im Weitzgrund wie eine Außenstelle der Lübnitzer Selbstversorgergemeinschaft. Die drei haben hier nicht nur einige ihrer besten Freunde, sie kaufen hier auch fast alles ein, was sie zum Leben brauchen. Wobei der Begriff einkaufen nicht ganz richtig ist: Die drei zahlen einen festen Monatsbeitrag und nehmen sich dafür von den Hofprodukten im Laden, was sie zu brauchen meinen und was der Hof gerade an Ernte zu bieten hat. Abgewogen und rationiert wird nicht – alles geschieht auf Vertrauensbasis. »Und das funktioniert. Sehr gut sogar und schon seit Jahren«, sagt Andrea Feinbier.
Andrea Feinbier wirkt ein wenig wie das Gegenstück zu Wam Kat: eine fröhliche, energische und geschäftstüchtige Person, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht. Seit drei Jahren baut sie den Hofladen auf. Sie ist Einzelhandelskauffrau und stammt, wie sie erzählt, aus einer Kaufmannsfamilie mit langer Tradition. Als sie vor sieben Jahren hierher zog, glaubte sie, nie wieder als Geschäftsfrau zu arbeiten. »Aber das hier«, sagt sie, während sie in dem gemütlichen Laden steht und an der modernen Espressomaschine eine Latte Macchiato braut, »ist etwas anderes.« CSA, Community Supported Agriculture, heißt das Konzept: Man zahlt für ein Jahr einen festen Pauschalbetrag an den Hof und erwirbt damit ein Anrecht auf einen Teil der Ernte, trägt gleichzeitig aber auch das Risiko mit. In Japan und den USA ist CSA schon länger bekannt, in Deutschland wird es bislang an neun Höfen praktiziert. In Lübnitz, einem von Demeter zertifizierten Betrieb, beträgt der Monatsbeitrag für Vegetarier 90 Euro, für Fleischesser 112 Euro. Dreißig Mitglieder gibt es derzeit, es waren schon mal sechzig. Das war ein Desaster. »Es waren zu schnell zu viele Leute«, erklärt Andrea Feinbier. Inzwischen ist der Betrieb solide aufgestellt, mittelfristig wollen sie auf vierzig Mitglieder wachsen.
Doch die landwirtschaftliche Selbstversorgung ist nur das eine. »Es geht uns auch um Persönlichkeitswachstum«, sagt Andrea Feinbier. Es gibt Treffen, in denen es um die praktischen Belange des Platzes geht, wie die Bewohner ihren Hof nennen, und andere zwischenmenschliche Belange, in denen zum Beispiel verschiedene Konfliktbewältigungsmöglichkeiten ausprobiert werden, etwa Sprechstab- und Sharing-Runden, die aus dem Schamanismus entwickelt wurden.
Andrea Feinbier kann von solchen Sachen reden und trotzdem patent und vernünftig wirken. Die Menschen, die vorbeikommen, während wir mit unserem Kaffee an einem langen Holztisch auf einer grünen Wiese sitzen, wirken ebenfalls alle ganz klar. Nur die Lehrerin der freien Schule hinterlässt mit Federn im offenen Haar einen etwas bizarren Eindruck. Aber alles in Ordnung: Die freie Schule hat gerade Indianerwoche, erklärt die Ladenbetreiberin ernst.
So, wie Andrea Feinbier darüber redet, klingt alles selbstverständlich. Die Vielfalt der Angebote, sagt sie, sei sehr schön: Man könne vieles wahrnehmen, müsse es aber nicht. Hier leben Menschen, die ein Tantra-Institut betreiben, ein Webdesigner hat hier sein Büro, ebenso ein Holzhandwerker und ein Ingenieur, der Energiegutachten erstellt. Drei Bewohner verdienen ihren Lebensunterhalt mit dem Hofbetrieb, die anderen helfen stundenweise mit. Hinter uns, in einem alten Stall mit ausgehängten Türen, ist die Sommerküche untergebracht.
Die Lübnitzer wohnen in Wohngemeinschaften von drei bis acht Personen, jeder wie er möchte und wie es gerade passt. Nur mittags kommen alle in zwei Gruppen zum Essen zusammen. In der einen Gruppe essen die Familien mit Kindern, in der anderen die ohne – das war die beste Aufteilung. Eine Küche, die groß genug für alle wäre, gibt es bislang nicht. Die Frage, ob es leidenschaftliche Köche in Lübnitz gebe, versteht Andrea Feinbier zuerst nicht. Nein, sagt sie schließlich: »Es gibt nur leidenschaftliche Nicht-Köche.« Früher hatten sie den Anspruch, dass jeder Erwachsene irgendwann mal kocht, aber das hat nicht funktioniert. Also haben sie, pragmatisch und geschult in Konfliktlösungen, den Plan aufgegeben. Jetzt ist nur noch die Hälfte der Bewohner für das Kochen verantwortlich, und das funktioniert.
Etwa vierhundert Menschen aus der Gegend, erzählt Andrea Feinbier, informieren sich gegenseitig über einen Mailverteiler über alles, was gerade läuft: die nächste Chorprobe, das nächste Konzert, die nächste Theateraufführung oder auch die nächste Familienaufstellung. Wer einen guten Orthopäden sucht oder einen gebrauchten Toaster, fragt ebenfalls per Mail nach. Es ist eine Art Subgemeinschaft in der Region. Berührungspunkte mit den Alteinwohnern gibt es dagegen kaum. In Lübnitz, sagt Andrea Feinier, sei man nach anfänglichem Misstrauen inzwischen bei einem wohlwollenden Nebeneinander.
Die Dorfkinder kaufen im Hofladen Eis oder Schokolade, einige der Älteren kommen, wenn sie etwas im Supermarkt vergessen haben. Die Postbotin ist eine treue Kundin. Sie setzt sich gern auf einen Cappuccino dazu und macht überall Reklame für sie. Wam Kat, der in Belzig für die Linke im Stadtrat sitzt und in Wiesenburg gerade neue Arbeitsplätze schafft, macht das natürlich auch. Er ist, so verrückt und verträumt er erscheinen mag, mit seinem politischen Engagement ein Bindeglied zwischen den alten und den neuen Fläming-Bewohnern. »Der Hofladen«, sagt er optimistisch, »wird immer mehr zu dem, was früher die Dorfschenke war, ein Treffpunkt für alle.« Es ist gemütlich und beschaulich in Lübnitz. Wir besichtigen den alten Gutshof mit seinen üppigen Blumengärten und dem verwilderten, unter Denkmalschutz stehenden Park, ein Baumhaus, ein Tipi und Wohnwagen mit hübschen Terrassen. Und wir schauen bei den Schweinen und Rindern vorbei, die hier gehalten werden, weil das eine Auflage von Demeter ist: Eine Landwirtschaft kann nur nach Demeter zertifiziert werden, wenn dort Rinder mit Hörnern gehalten werden.
Das basiert auf einer Theorie von Rudolf Steiner aus den 20er-Jahren, aus einer anderen Zeit mit anderen Aussteigern. Doch der Glaube ist weitergetragen worden, bis in die Grundsätze eines Prädikats, das für viele heute gleichbedeutend ist mit Qualität. Der Glaube besagt, dass der Dung dieser Tiere eine besondere Kraft habe, weil die Rinder über ihre Hörner kosmische Schwingungen aufnehmen.
Wam Kat, mit seinem langen Fisselhaar, dem freundlichen Gesicht und dem verblichenen Sweatshirt mit der einst so bunten, indischen Gottheit kann darüber lächeln. Er ist Pragmatiker. »Schaden kann es jedenfalls nicht«, sagt er und grinst vergnügt. Er hat eben schon viel gesehen.
* Text: Michaela Schlagenwerth
* Fotos: Katja Hoffmann
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