Macht Sandsaecke bluehen

Wenn Wam Kat kocht, beginnt der Krieg zu stottern

WamKat„Wam Kat kocht im Fluc. Er stellt dort sein neues Kochbuch vor. Schreib was drüber.“ – Kann nicht so schwer sein, denkt die Sparköchin. Schlägt das Buch auf, wenige Stunden vor dem Interview-Termin. Schlägt es gleich wieder zu – und fühlt sich völlig überfordert: Das ist nicht irgendein Kochbuch. Und das ist nicht irgendein Autor.

 

Christa Neubauer  Augustin, Wien, 10/2008
 
 
Wam Kat wurde 1955 in eine niederländische Familie mit langer künstlerischer und politischer Tradition hineingeboren, neben zwei leiblichen Brüdern hat er „eine beträchtliche Anzahl“ von Adoptivgeschwistern, über deren genaue Anzahl er „den Überblick verloren“ hat. Die große Familie mit wenig Geld ernähren zu müssen kann nicht einfach gewesen sein. Doch es war immer genug zu essen da. Vom Wissen und der Improvisationskunst seiner Mutter hat Wam viel mitgenommen.

Laut Intro in seinem Buch ist Wam Kat Aktivist, Koch, Journalist und Autor. Bereits in seiner Jugend für die UNESCO aktiv, suchte er immer wieder neue Herausforderungen im Rahmen von Friedensbewegungen. Anfang der 80er Jahre organisierte er mit seinem Kollektiv Rampenplan mobile Küchen, um Demonstrationen mit Bio-Essen zu versorgen. Im Jugoslawienkrieg sorgte er für Normalität, wo Ausnahmezustände herrschten. Beim G8-Gipfel in Heiligendamm besänftigte seine Suppe Demonstranten wie auch die Staatsgewalt. Heute lebt er in einer Kleinstadt nahe Berlin; neben verschiedenen Projekten mit Kindern und Jugendlichen ist er dabei, ein generationsübergreifendes Ökodorf nach dem Null-Energie-Prinzip aufzubauen. „Interessant wird es, wenn mir jemand sagt: Das geht nicht. Wenn einer sagt: Ja, gute Idee, das können wir machen, dann sag ich: Ja gut, mach das mal, aber ich such mir was anderes.“

Der gelernte Soziologe erweist sich als geduldiger Gesprächspartner. Damit er auf meine Fragen nicht ständig mit „Das findest du in meinem Buch“ antworten muss, erzählt er Geschichten, die dort nicht drin stehen. Zum Beispiel, wie die von ihm mitbegründete Flüchtlingshilfe-Organisation Suncokret (= Sonnenblume; später wurde die Bewegung Balkan Sunflowers ins Leben gerufen) zu ihrem Namen kam. Nämlich durch die Sonnenblumenkerne, die er im Frühjahr 1992 in die unzähligen Sandsäcke pflanzte, mit denen Zagreb immer noch verbarrikadiert war; obwohl der Krieg damals in Kroatien eigentlich schon vorbei war. Wenige Wochen später waren die Sonnenblumen schon einen Meter hoch, was schließlich auch den Behörden auffiel – und Anlass war, die Sandsäcke zu entfernen und so in der Stadt wieder so etwas wie Normalität herzustellen.

Die jungen Gastkrieger aus Europa


Wam erzählt auch von den vielen Jugendlichen aus Europa, die ins Krisengebiet getrampt sind, um auch einmal Krieg zu spielen, meist aus dem rechten Lager. Sie wurden mit offenen Armen empfangen – und an vorderster Linie eingesetzt: Sie mussten bergauf kämpfen: „Die schwierigste Sache überhaupt im Krieg. Wer das überlebte, hatte ziemlich schnell genug. Diese Leute kamen dann auch zu uns ins Suncokret-Haus, um ihre Erlebnisse aufzuarbeiten.“

„Die Leute in den Flüchtlingszentren müssen skills lernen, statt untätig zu warten. Sie müssen fürs Danach vorbereitet werden“, weiß Wam Kat. „Flüchtlinge in Afrika sind viel passiver, die holen sich einmal am Tag ihr Essen und den Rest des Tages warten sie. Am Balkan sind Familien auseinander gefallen, weil die Menschen hier weit aktiver sind!“ Für Suncokret arbeiteten viele Freiwillige, denen ein „Reality Check“ ihre teilweise romantischen Träume ausgetrieben hat. „’Was soll ich tun?’ haben die Leute gefragt. – ‚Fang mal an, mit den Kindern zu spielen!’ – ‚Bist du verrückt, das ist viel zu gefährlich! Keiner wird kommen!’ – Siebeneinhalbtausend sind gekommen.“

Dass Serben, Kroaten und Muslime nicht miteinander können, lässt Wam übrigens nicht gelten. Friedensarbeit, davon ist er überzeugt, funktioniert nur mit gemischten Gruppen. Im Gegensatz dazu operiert die UNO mit nationalen Truppen, was noch viel weniger klappt. Ganz schlimm wurde es beispielsweise, als sich die Argentinier, selbstbewusst nach ihrem Falkland-Sieg, von den britischen Kommandanten etwas hätten sagen lassen sollen. Aber auch den Schweizern aus den verschiedenen Kantonen und den belgischen Flamen und Wallonen, die darauf pochten, jeweils „unter sich“ zu bleiben, musste er sagen: „Frag uns nicht, warum es hier Krieg gibt!“

Derzeit arbeitet Wam unter anderem mit SchülerInnen im Berliner Stadtteil Neukölln. Hier leben überdurchschnittlich viele BezieherInnen von Hartz IV. Bis zu vierzig Nationalitäten finden sich in den Schulen. Den Kindern und Jugendlichen erklärt er, dass Kühe nicht lila sind, dass aus einer Kuh ein Hamburger werden kann und dass der Paradeiser, bevor er auf der Pizza landet, auf einem Strauch wächst. Er lässt sie Natur erleben, legt aber durchaus auch in den Schulen eigene Gemüsegärten an. Die Ernte, das nur nebenbei, dient nur Demonstrationszwecken und darf offiziell nicht gegessen werden. Weil die Behörden das als „unlauteren Wettbewerb“ sehen würden, schließlich muss die Wirtschaft geschützt werden.

„Ernährung ist für Menschen, die in Armut leben, ein wichtiges Thema. Von den Tafeln oder Sozialmärkten bekommt man meist Produkte, die man selbst eigentlich nicht kaufen würde, auch Konserven und Tiefkühlware. Es gibt kaum noch Eltern, die selber kochen – unter anderem auch deshalb, weil kein Geld für die Nebenzutaten vorhanden ist!“

Heringssalat ohne Hering


Am 4. September kam Wam Kat jedenfalls auf Einladung eines Radiosenders nach Wien, um im Fluc sein erstes Buch „Wam Kats 24 Rezepte zur kulinarischen Weltverbesserung“ vorzustellen, eine gelungene Mischung aus flockig geschriebener Autobiographie und höchst brauchbaren Rezepten. „Ich wollte Sachen aufschreiben, die die Menschen selbständig werden lassen“, erklärt er, warum sich im Buch unter anderem eine der wenigen brauchbaren Anleitungen zur Herstellung eines Sauerteigs findet. Oder ein Wildkräutersalat und ein Heringssalat ohne Hering.

Sowieso sind alle seine Rezepte vegetarisch, mit einem Hinweis für eine vegane Zubereitungsmöglichkeit. „In Sarajevo waren die Menschen gewohnt, viel Fleisch zu essen. Im Krieg sind sie dann schnell zu Vegetariern geworden. Du kannst nicht 800.000 Menschen per Flugzeug versorgen, also mussten wir Gemüse verwenden. Aber wir haben die dortige Esskultur berücksichtigt und anfangs versucht, fleischähnliche Substanzen herzustellen.“ Bald wurden Rezepte ausgetauscht und Sämereien nach Sarajewo geschmuggelt. In der Folge wurde aus der Stadt eine einzige große Permakultur-Anlage: Auf jedem noch so kleinen Plätzchen wurde Gemüse kultiviert. Die alten Bauern schafften es mit ihrem Wissen, alte Kulturtechniken wieder anzuwenden, der Bio-Anbau ergab sich ganz von selbst, aus Mangel an Geld und Möglichkeiten.

Weil Wam am Ende unseres Gesprächs auch über seine Kürbissuppe im Fluc erzählt („ich wollte Hokkaido-Suppe kochen, aber gekommen sind dann weiße UFOs“), kommen wir auch auf Bio-Nahrung im allgemeinen und die Situation der kleinen Bioläden im besonderen zu sprechen. „Ich habe die Zutaten in einem kleinen Laden in der Apostelgasse gekauft. Den gibt es dort seit über 20 Jahren, der Besitzer kennt seine Kunden, weiß genau, was die gerne mögen.“ Der kleine Laden erfüllt eine Grätzel-Funktion, jetzt gräbt der neue Bio-Supermarkt in unmittelbarer Nähe seine Existenz ab. Einerseits gut, dass mehr Menschen Bio-Lebensmittel ausprobieren können. Aber oft haben die Angestellten in Großbetrieben keinen Bezug mehr zu dem, was sie verkaufen. Wams Rat: „Kauf niemals dein Gemüse bei einem Händler, der nicht weiß, wie man sein Gemüse zubereiten kann!“

Info:
Wam Kats 24 Rezepte zur
kulinarischen Weltverbesserung
,
erschienen bei orange-press 2008
256 Seiten, Euro; 25,–


Weltmahlzeit, zitiert nach Wam Kat

Alle Lebensmittel, die weltweit wachsen oder von Tieren produziert werden, zusammengetragen und auf alle ErdenbewohnerInnen aufgeteilt, ergäben als tägliche Versorgung für jede und jeden:

141 g Erdäpfel
166 g Wurzeln und Knollen
369 g sonstiges Gemüse
213 g Obst
15 g Nüsse
25 g Hülsenfrüchte
61 g Gerste
284 g Kukuruz
250 g Reis
251 g Weizen
71 g übriges Getreide
84 g Soja
267 g Milch
27 g Eier
45 g pflanzliches Öl
3 g Gewürze
76 g Zucker oder Süßungsmittel
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